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14
Sep
2018

Zeugnistechnik: „Chef, was wollen Sie damit andeuten?“

Der perfekte Mitarbeiter von heute ist „hoch motiviert, zeigt außerordentliche Eigeninitiative, stellt private Belange stets zurück.“ Ihr Chef kann eine solche positive Formulierung im Arbeitszeugnis jedoch mit einem Schlag zunichte machen – durch die Verwendung einer sogenannten Zeugnistechnik.

Zeugnisformulierungen, die negative Rückschlüsse zulassen

An erster Stelle wollen wir hier die Andeutungstechnik nennen: Hierbei werden einem potenziellen Leser des Arbeitszeugnisses durch die Verwendung doppeldeutiger Formulierungen negative Rückschlüsse nahegelegt.

  • Wenn es darauf ankommt, zeigt Frau Krüger außerordentliches Engagement. (Und sonst?)
  • Herr Schmidt erledigte alle Aufgaben pflichtbewusst und ordnungsgemäß. (Ein bisschen Initiative hätte schon sein können.)
  • Sie hatte Gelegenheit, … (Die hat sie aber nicht genutzt!)
  • Herr Meier ist ein anspruchsvoller und kritischer Mitarbeiter. (Oder ein Nörgler und Querulant?)

Passivformulierungen im Zeugnis

Eine Spielart der Andeutungstechnik ist die Verwendung von Passivkonstruktionen. Hier sollten Sie besonders aufpassen, da viele Arbeitgeber gar nicht wissen, dass entsprechende Formulierungen negativ aufgefasst werden können.

  • Herr Müller wurde bei uns beschäftigt.
  • Er wurde im Bereich … eingesetzt.
  • Wir haben ihm die folgenden Aufgaben übertragen:

Unser Praxistipp!

Achten Sie darauf, dass Ihr Arbeitgeber anstelle solcher Passivformulierungen besser auf die aktive Form zurückgreift (zum Beispiel: er war … tätig, er arbeitete im Bereich…,  er war verantwortlich für …, er war für  … zuständig).

Die Negation und Übertreibung als Zeugnistechnik

Auch die Negationsmethode wird der Andeutungstechnik zugeordnet. Der Zeugnisaussteller verwendet hierbei negativ besetzte Worte (Sein Verhalten war ohne Tadel.) oder die Verneinung des Gegenteils (…nicht unbedeutende Erfolge, nicht unwesentlich beeinflusst).

Bei der Übertreibungstechnik – ebenfalls eine Spielweise der Andeutung – überzieht der Zeugnisaussteller die Formulierungen in der Art, das sie unglaubwürdig erscheinen. Achtung: Haben die Bewertungen offensichtlich einen ironischen Charakter und wirken damit nicht ernst gemeint, gilt der Zeugnisanspruch als nicht erfüllt (LAG Hamm, Urteil vom 14.11.2016, Az.: 12 Ta 475/16). Der Arbeitnehmer kann hier Berichtigung fordern.

Und wie können wir Sie unterstützen?

Wenn Sie Zweifel haben, ob Ihr Arbeitszeugnis alle rechtlichen Anforderungen erfüllt oder der Arbeitgeber eine bestimmte Zeugnistechnik angewendet hat, lassen Sie es besser überprüfen. Zum Beispiel mit unserem Zeugnis-Check. Auf Wunsch überarbeiten wir auch gerne Ihr Arbeitszeugnis (Unser Service: Zeugnis-Überarbeitung).  

Die Leerstellentechnik oder wie Juristen sagen: „beredtes Schweigen“

Bevor man etwas Schlechtes sagt, sagt man doch besser gar nichts. Interessant wird dies vor allem dann, wenn eine bestimmte Aussage, zum Beispiel eine persönliche Eigenschaft oder eine besondere Fähigkeit bei dieser Art Job  erwartet werden kann.  Denken Sie hier nur an den Fall eines Zeitungsredakteurs, der die Belastbarkeit in Stresssituationen als Anforderung im Beruf sah und dies als Zeugnisinhalt vor Gericht erstreiten konnte (BAG, Urteil vom 12.8. 2008, Az.: 9 AZR 632/07). Unsere Urteilsbesprechung finden Sie unter Arbeitszeugnis Redakteur: was sind branchenübliche Formulierungen? Oder nehmen wir die Assistentin einer Anwaltskanzlei, die eine selbstständige Arbeitsweise im Arbeitszeugnis erwähnt haben wollte. Sie hatte vor Gericht keinen Erfolg, die Gründe hierfür lesen Sie hier: Selbstständige Arbeitsweise im Arbeitszeugnis

Ausgelassen werden mitunter sogar ganze Leistungskriterien oder Bestandteile davon. Nehmen wir etwa das Sozialverhalten: Wird nur das Verhalten gegenüber Vorgesetzten bewertet, ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass es regelmäßig Stress mit den Kollegen gegeben haben könnte.

Praxistipp!

Erfahrungsgemäß fehlen Leistungskriterien oder andere Komponenten oft nicht aus bösem Willen, sondern aus Unkenntnis. Weisen Sie den Zeugnisaussteller darauf hin, dass das fehlende Kriterium oder die fehlende Eigenschaft in Ihrem Job eine besondere Anforderung ist und daher unbedingt in das Zeugnis gehört.

Knappheitstechnik

Über einen Mitarbeiter, der viele Jahre im Unternehmen arbeitet, gibt es sicherlich jede Menge im Arbeitszeugnis zu sagen. Wenn dieser jedoch nur ein knappes Zeugnis erhält (geringer Umfang, kurze einfache Sätze, eine knappe Leistungsbeurteilung, vielleicht sogar nur eine zusammenfassende Leistungsbeurteilung), dann wirft das Fragen auf. Vor allem wird deutlich, dass sich der Aussteller keine Mühe gegeben hat.

Einschränkungstechnik

So wie inhaltliche Verstärker, wie etwa „sehr“, „äußerst“, „besonders“, und zeitliche Verstärker, etwa „stets“, „immer“ oder „zu jeder Zeit“ eine Aussage steigern können, gibt es auch einschränkende Termini. Mit Passagen wie zum Beispiel „in der Regel“, „meist“, „im Großen und Ganzen“, „vorwiegend“ oder „häufig“ lassen sich Aussagen einschränken.

Reihenfolge-Technik

Hier trifft der Zeugnisaussteller vor allem unwichtige Aussagen vor wichtigen. Diese Zeugnistechnik wird oft bei der Aufgabenbeschreibung eingesetzt. Überprüfen Sie daher immer die Priorität der aufgeführten Aufgaben ganz genau! Überspitzt ausgedrückt: Kaffee kochen vor Budgetplanung und -kontrolle …

Positiv-Skala-Technik

Hier weisen wir vor allem auf die zusammenfassende Leistungsbeurteilung hin, die anhand von Abstufungen eine Notenstufe beschreibt. (Zur vollen oder vollsten Zufriedenheit?) Das Perfide: Jede Aussage für sich klingt erst einmal positiv, wer jedoch die Methode kennt,  weiß, dass sich mit abnehmender Zufriedenheit hinter der Formulierung auch nicht so positive Aussagen verbergen können. Ein Beispiel für eine mangelhafte Formulierung: „Herr Bauer war stets bemüht, den Anforderungen gerecht zu werden.“

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